Dr. Johannes von Büren

Übergewicht durch Vererbung – sind die Gene wirklich schuld?

Eine falsche Ernährungsweise und wenig Bewegung sind nicht der einzige Grund für eine Gewichtszunahme. Vererbung spielt bei der Entstehung von Übergewicht ebenfalls eine große Rolle. Besonders wenn das Gewicht rasant ansteigt und Abnehmen fast unmöglich erscheint, stecken oft die Gene dahinter. Bislang wurden 100 Gene, beziehungsweise Genvarianten erforscht, die Fettleibigkeit fördern. Einige davon, wie beispielsweise FTO, sind dabei von besonderer Bedeutung.

Wie diese Gene auf den Körper wirken und damit das Gewicht beeinflussen, erfährst Du in diesem Artikel.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Die Entstehung von Adipositas kann mit der genetischen Veranlagung zusammenhängen.
  • Bestimmte Genmutationen können das Hunger- und Sättigungsgefühl verändern und den Stoffwechsel beeinflussen.
  • Wird z. B. das FTO-Gen vererbt und entwickelt sich eine Mutation, ist die Wahrscheinlichkeit an Adipositas zu erkranken stark erhöht.

Adipositas-Entstehung: Gene sind mitverantwortlich

Von Adipositas ist die Rede, wenn der BMI über 30 liegt. Menschen, die an Fettleibigkeit leiden, wird meistens vorgeworfen, selbst dafür verantwortlich zu sein, da sie zu unbeherrscht essen oder zu wenig Sport treiben. Dabei ist Adipositas eine ernstzunehmende Krankheit und nicht immer nur das Resultat eines ungesunden Lebensstils. Denn es gibt viele Ursachen für die Entstehung von extremem Übergewicht.

Neben falschen Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten, psychischen Problemen oder Medikamenteneinnahmen hängt die Entstehung von Adipositas vor allem mit der Genetik zusammen.

Genau diesen Zusammenhang untersuchte Prof. Dr. Peter Kovacs am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum für Adipositas-Erkrankungen (IFB) der Leipziger Universitätsmedizin. Ihn interessierte dabei besonders, welche Gene bei Adipositas für die Fettverteilung im Körper zuständig sind. Denn diese wiederum erhöhen das Risiko einiger Folgeerkrankungen, wie Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes mellitus Typ 2, Fettleber und Fettgewebe-Störungen sowie Krebs.

Worüber entscheidet die Genetik bei Adipositas?

Die Gene selbst sind selten der einzige Faktor bei der Entwicklung von Fettleibigkeit. Diese Möglichkeit trifft nur in fünf Prozent aller Fälle zu. Vielmehr sind die Ursachen für Übergewicht eine Kombination verschiedener Faktoren und Gewohnheiten. Adipositas ist zwar eine ernstzunehmende Krankheit, Betroffene können sich jedoch nicht ausschließlich auf eine schlechte genetische Veranlagung berufen.

Sicher ist jedoch, dass die Gene beeinflussen, wie sehr Adipositas durch äußere Faktoren gefördert wird, wo sich Fettpolster vermehrt ansammeln und wie die Krankheit verläuft. Je nach erblicher Veranlagung kann Adipositas bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Ursachen haben: Während in einem Fall die genetische Veranlagung dafür sorgt, dass ein Patient ernährungsbedingt fettleibig wird, fällt bei einem anderen Fall die fehlende Bewegung stärker ins Gewicht.

Genetische Ursachen der Adipositas

Professor Johannes Hebebrand von der Universität Marburg ist Genetiker und erforscht ebenfalls Gene, die das Gewicht beeinflussen. Einige davon verursachen Übergewicht, andere halten uns schlank. Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) untersuchte er diejenigen Gene, die dafür sorgen, dass wir schneller zunehmen als andere Menschen.

MC4R-Gen

Im Fokus der Wissenschaftler standen bei den Forschungen einige Mutationen im MC4R-Gen. Etwa zwei Prozent aller adipösen Menschen weisen solche Mutationen auf. Das MC4R-Gen liefert den Bauplan für den Melanocortin-4-Rezeptor (MC4R). Dieser Rezeptor befindet sich hauptsächlich im Hypothalamus, einer Struktur im Gehirn. Es beeinflusst den Energiehaushalt des Körpers und reguliert das Körpergewicht. 

Forscher konnten ermitteln, wie viele zusätzliche Kilogramm auf Veränderungen im MC4R-Gen zurückzuführen sind: Ein 1,80 Meter großer Mann, der die Mutation in sich trägt, wiegt durchschnittlich 13 Kilogramm mehr als andere Männer. Eine 1,70 Meter große Frau wiegt sogar 27 Kilogramm mehr als andere Frauen. Erklärt wird die Neigung zu Übergewicht durch ein größeres Hungergefühl der betroffenen Menschen, wodurch sie mehr essen, als benötigt wird. Möglicherweise verbrennen sie zudem weniger Kalorien.

Molekularbiologisch lässt sich das so erklären: Ist der MC4-Rezeptor aktiviert, nimmt der Appetit ab. Gleichzeitig steigen Aktivität und Energieverbrauch. Aufgrund von Mutationen im MC4R-Gen bildet der Körper zu wenige, falsch zusammengesetzte oder gar keine Rezeptoren. Die Rezeptoren werden dadurch möglicherweise nicht oder nicht vollständig aktiviert. Die Folge: Der Appetit steigt und es wird gleichzeitig weniger Energie verbraucht. 

FTO-Gen

Von besonderer Bedeutung für die Genforschung im Adipositas-Bereich war die Entdeckung des sogenannten FTO-Gens. Das FTO-Gen steht für „fat mass and obesity associated genes“.  Wobei es eigentlich kein Gen im klassischen Sinne ist. Es handelt sich um eine Strecke von 47.000 Nukleotiden auf dem Chromosom 16.

Dort wurden 87 Varianten des Gens entdeckt, die zusammen bei etwa 44 Prozent aller Europäer nachweisbar sind und bei diesen das Risiko an Adipositas zu erkranken steigert. Fettleibigkeit ist zwar nicht direkt vererbbar, die Gene beeinflussen jedoch in hohem Maße, wie schnell und wie viel eine Person zunimmt.

Auf welche Weise das Gen die Gewichtszunahme begünstigt, war bislang nicht bekannt. Auf dem „FTO-Gen“ wurde kein „FTO-Protein“ gefunden. Es werden dort deshalb eines oder mehrere Steuer-Gene vermutet, die über die Einwirkung auf andere Gene die Gewichtszunahme begünstigen. Es wird vermutet, dass diese Steuer-Gene im Gehirn auf das Appetitzentrum einwirken und dadurch die Kalorien­zufuhr steigern.

Abnehmen bei genetisch bedingter Fettleibigkeit erfordert viel Disziplin

Bestimmte Mutationen des MRC4-Gens oder des FTO-Gens beeinflussen die Gewichtsregulation. Neben Umweltfaktoren spielen jedoch auch eine ganze Reihe weiterer erblicher Faktoren eine Rolle, die so konkret noch gar nicht erforscht sind. Das menschliche Gewicht ist nicht standardisiert. Wie bei der Körpergröße gibt es auch beim Gewicht eine große Streuung und dafür sind maßgeblich unsere Gene verantwortlich.

Deshalb können einige stark übergewichtige Menschen langfristig kaum abnehmen. Wer trotz seiner erblichen Faktoren dauerhaft Gewicht verlieren möchte, braucht vor allem eine eiserne Disziplin in Bezug auf Ernährungsgewohnheiten und körperliche Aktivität. Um nachhaltige Erfolge zu erzielen, ist eine professionelle Unterstützung, etwa durch den Hausarzt / die Hausärztin und einen Diät- oder Ernährungscoach erforderlich.

Zusammenfassung

Menschen, die unter Adipositas leiden, befinden sich häufig in einer Negativspirale, die das Abnehmen zur Herausforderung macht. Sie machen sich Vorwürfe, dass ihre Fettleibigkeit selbst verschuldet ist und jede gescheiterte Diät weckt in ihnen noch mehr Frust. Dabei hilft es Betroffenen zu wissen, dass nicht nur ihr Ess- und Bewegungsverhalten sie in diese Situation gebracht hat.

In vielen Fällen stecken die Gene dahinter. Das FTO-Gen wurde beispielsweise bei 44 Prozent der Europäer entdeckt. Wird dieses Gen vererbt und entwickelt sich eine Mutation dieses Gens, ist die Wahrscheinlichkeit an Adipositas zu erkranken stark erhöht.

Genmutationen wie beim FTO- oder MRC4-Gen können das Hunger- und Sättigungsgefühl verändern. Sie beeinflussen außerdem den Stoffwechsel. Betroffene haben es in diesen Fällen besonders schwer, Gewicht zu verlieren. Ein starker Wille sowie professionelle Unterstützung durch Ärzte / Ärztinnen und Ernährungsberater:innen machen es jedoch möglich, trotzdem langfristig abzunehmen.

Häufige Fragen

Ist Übergewicht genetisch bedingt?

Wie wird Adipositas vererbt?

Kann man trotz Adipositas-Gen schlank werden?

Quellenangaben

Links